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Im Schuljahr 2003/04 hat die Wäscheleineredaktion sich eingehend mit der Geschichte der Schulen in Tuscaloosa beschäftigt. Vor allem hat uns interessiert, wie sich der 17. Mai 1954 auf die Schullandschaft ausgewirkt hat. Das war der Tag, an dem der Supreme Court formuliert hatte, dass es keine Diskriminierung von schwarzen Amerikanern in US Schulen geben darf. damit war das Ende der nach Hautfarben getrennten Schulen eingeläutet. Der folgende Artikel erschien zunächst in der Mai-Ausgabe der Wäscheleine im Jahr 2004: Interview mit dem ehemaligen Lehrer und Hochschullehrer Mr. M.L. Roberts
Klasse 8/9:
Gab es noch getrennte Schulen für Weiße und Schwarze, als Sie nach Tuscaloosa
kamen? Mr. Roberts:
Ja, die gab es noch bis 1954. Zwar hatte die Sklaverei schon mit dem
Sezessionskrieg 1865 offiziell geendet, aber der Supreme Court hatte eine
Formulierung gefunden, die die separaten Schule für Recht erklärte:
„separate but equal“. Das bedeutete, dass in den Schulen und Kindergärten
streng nach Hautfarbe getrennt wurde, aber jeweils der gleiche Unterrichtsstoff
durchgenommen wurde. Klasse 8/9:
Sie waren dann an der weißen Schule? Mr. Roberts:
Ja, ich war an der Tuscaloosa High School tätig. Sie befand sich in dem Gebäude,
in dem heute das School Board zu Hause ist (siehe Bild).
Die zweite Schule hieß Industrial High School, später erhielt sie den
Namen Druid High School. Klasse 8/9:
Gab es denn weiße Lehrer an der Schule für die Afro-Americans? Mr. Roberts:
Nein, das war nicht möglich. Die weißen Lehrer durften nur an den weißen
Schulen lehren, die schwarzen Lehrer nur an den schwarzen Schulen. *Mr. Roberts zeigte uns im
Verlauf des Gesprächs Original-Jahrbücher seiner Schule und erwähnte, dass
der Abschlussjahrgang von 1952 ihn zum Klassentreffen eingeladen habe. Leider
sei er der einzige überlebende Lehrer. Die anderen seine 1952 eben schon
deutlich älter gewesen als er. Die Schüler, so Roberts, seien heute alle ca.
70 Jahre alt. Viele würde er noch kennen, aber so meinte er augenzwinkernd, es
würde ihn wundern wie alt manche von ihnen schon aussähen. Klasse 8/9:
Gab es Wettkämpfe zwischen den Schulen. Mr. Roberts:
Die weißen Schule hatten Sportwettkämpfe mit den weißen und die schwarzen hatten ihre mit
den schwarzen. Ein Wettkampf zwischen beiden Sys-temen war nicht erlaubt und
auch nicht denkbar. Klasse 8/9:
Wo wurden die schwarzen Lehrer ausgebildet, sie durften ja wohl auch nicht an
eine weiße Universität? Mr. Roberts:
Stimmt, es gab eigentlich vier Möglichkeiten für Kollegen aus den schwarzen
Schulen. Das College in Tuskegee Alabama State College in Montgomery Alabama Agricultural and Mechanical College Außerdem gab es noch das
Stillman College hier in Tuscaloosa, das aber ursprünglich ausschließlich zur
Ausbildung von farbigen Pastoren eingerichtet worden war. Die Hochschule in Tuskegee
hat noch eine besondere Geschichte, da sie von einem ehemaligen Sklaven, Brooker
T. Washington, gegründet worden ist (unten). Er hat nach seiner Freilassung zunächst
eine Schule und später eine Hochschule gegründet und geleitet. Er gehört
unstrittig zu den herausragenden Persönlichkeiten der Geschichte Alabamas. Klasse 8/9:
Gab es in den 50/ 60er Jahren auch andere äußere Zeichen der Rassentrennung? Mr. Roberts:
Ja, selbstverständlich. Zum Beispiel Wasserspender an der Straße oder Toiletten. Klasse 8/9:
Waren auch die Kirchen getrennt? Mr. Roberts:
Ja, es gab reine schwarze Gemeinden und reine weiße Gemeinden. Es war vieles in
der Gesellschaft klar getrennt. Die Menschen organisierten sich und waren es
gewohnt. Viele hielten es so auch für richtig. Klasse 8/9:
Wie kam es, dass gerade im Süden so starke Rassentrennung herrschte? Mr. Roberts:
Das liegt an den geschichtlichen Zusammenhängen. Im Süden lagen die großen
Baumwoll- und Tabakplantagen. Die benötigten viele Arbeiter und das waren
zumeist ungelernte Negersklaven, deren Familien aus Afrika verschleppt worden
waren. In den 23 Nordstaaten der Vereinigten Staaten gab es mehr
Industrieproduktion. Diese Betriebe benötigten lesende, und angelernte
Arbeiter. Deshalb war die Sklaverei hier schon früher abgeschafft. Offiziell
war der Sklavenhandel schon seit 1808 verboten. Aber es dauerte noch bis 1860.
Als der Sklaverei-Gegner Abraham Lincoln zum Präsidenten gewählt wurde, erklärten
sich die 11 Südstaaten für selbstständig. Die Folge war der furchtbare Bürgerkrieg,
in dem mehr Amerikaner ums Leben gekommen sind, als in jedem anderen Krieg! Als
der Krieg vorüber war, hatte der Norden gewonnen und die Sklaverei war
abgeschafft. Allerdings war der Süden in weiten Teilen verwüstet und die
Wirtschaft brach zusammen. Die Men-schen waren vielerorts nicht ein-verstanden
mit dem Ergebnis. Oft blieben sie Rassisten, auch wenn es nicht erlaubt war.
Deshalb wurden auch die Menschen weiterhin nach ihrer Herkunft und ihrem
Aussehen getrennt. Bis 1954 wurde das Als dann 1954 der Supreme
Court anders entschied, da folgte großes Erstaunen und vielerorts Entsetzen. Klasse 8/9:
Wie reagierten die Menschen, speziell die Eltern, als die Rassentrennung
aufgehoben wurde und alle die gleiche Schule besuchen durften. Mr. Roberts:
Viele Eltern wollten das nicht wahrhaben. Viele hielten die schwarze Bevölkerung
nicht für so bildungsfähig wie die weiße. Außerdem wollten viele weiße
Eltern nicht, dass ihre Kinder Umgang mit schwarzen Kindern hatten. Die Folge
war eine große Welle der Gründung von Privatschulen. Diese waren in der Regel
zu teuer für die Schwarzen. So wurden die weißen Kinder wieder unter sich
unterrichtet. Klasse 8/9:
Sie waren auch an der Universität tätig. Wie war es, als die ersten Schwarzen
nach 1954 an der University of Alabama einschreiben wollten? Mr. Roberts: Das war furchtbar. Die erste dunkelhäutige Studentin war Autherine J. Lucy aus Birmingham (siehe Bild). Sie wollte Sportlehrerin werden und schrieb sich im Februar 1956 im Foster Building, das damals die Universitätsverwaltung beheimatete, ein. Allerdings konnte Misses Lucy hier nicht wirklich studieren. Zunächst passierten merkwürdige Dinge. Da wollte zum Beispiel eine Londoner Zeitung ein Interview mit ihr am Telefon führen. Ich sollte sie aus dem Seminar ans Telefon holen. Als ich das ablehnte, konnte ich den Journalisten laut schimpfen hören. Richtig schlimm wurde es aber außerhalb unserer Gebäude. Schon an Ms. Lucys erstem Studientag hatte sich eine Masse von gewalttätigen Demonstranten versammelt, die mit Eiern warfen und sie aus der Universität heraus holen wollte. Einige hatten sogar vor, sie zu töten. Ich war für die Betreuung der jungen Studentin zuständig und habe mich dann mit ihr im Konferenzzimmer der Bibliothek verschanzt. Stunden später konnte sie dann mit einem Polizeiwagen abgeholt und nach Birmingham zurück gebracht werden. Drei Tage später musste Autherine Lucy wieder exmatrikuliert werden. Es wäre zu gefährlich gewesen, sie hier weiter zu unterrichten. Sie konnte sich nur mit Polizeischutz auf den Campus wagen. In der Folge boten eine Reihe von europäischen Universitäten ihr einen Studienplatz an. Sie lehnte das aber ab. Links: Autherine Lucy, rechts die Zeitung vom 17. Mai 1954 mit der Meldung, dass an Schulen keine "Rassentrennung" mehr herrschen dürfe:
Klasse 8/9:
Was wurde aus ihr? Mr. Roberts:
Wenig später zog sie nach Texas und heiratete ihren Freund, einen Pfarrer. Die
Familie hatte später fünf Kinder. Mrs. Foster, wie Autherine nun hieß,
arbeitete viele Jahre als Ergänzungslehrerin, bis sie sich 1988, im Alter von
58 Jahren, entschloss ihr Studium wieder aufzunehmen. 1992 erreichte sie dann
tatsächlich ihr Masters Degree of Education an der University of Alabama! Die nächsten farbigen Studenten an der hiesigen Universität waren Vivian Malone und James Hood. Beide schreiben sich am 11. Juni 1963 ein. Die Presse, ja sogar die Weltpresse war sofort wieder zur Stelle, um über den Verlauf der Ereignisse in Tuscaloosa zu berichten. Die Situation dramatisierte sich damals noch, da der Gouverneur des Staates Alabama, George Wallace, sich in die Angelegenheit einmischte. Er war schon nahezu 20 Jahre im Amt und immer wieder mit rassistischen Parolen aufgefallen. Jetzt, im Sommer 1963, fuhr er von Montgomery nach Tuscaloosa, um den beiden schwarzen Studenten die Einschreibung zu verwei-gern. Er postierte sich im Foster Building und proklamierte vor einer großen Anzahl rassistischer Anhänger, dass unter seiner Verantwortung kein Schwarzer an der Universität eingeschrieben würde (siehe Foto). Dies rief den US-Präsidenten in Washington auf den Plan. Damals war das John F. Kennedy. (s. Foto). Er schickte die National Garde mit Hubschraubern in das kleine Städtchen in Alabama und ließ den gesamten Campus sperren. Die beiden Studenten wurden zur Einschreibung eskortiert. Wallace musste einsehen, dass mit Rassismus in Zukunft keine Politik mehr zu machen war. Klasse 8/9:
Wie sieht das Verhältnis von schwarzen
und weißen Studenten heute aus? Mr. Roberts:
Heute sind 14 % schwarze Studenten an der Universität eingeschrieben. Eine
immer noch recht kleine Zahl. Dennoch, es werden mehr. Klasse 8/9:
Meinen Sie, dass in Zukunft auch mehr dunkelhäutige Amerikaner Verantwortung in
Politik und Wirtschaft tragen werden? Mr. Roberts:
Ja, heute gibt es schon Colin Powell und Condoleezza Rice, die inter-national
hoch anerkannt sind. Auch im Parlament von Alabama sitzen mittlerweile dunkelhäutige
Politiker. Der bekannteste ist derzeit Arthur Davis, ein wirklich groß-artiger
Politiker und eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Ja, ich glaube, dass wir
in den nächsten Jahren noch mehr solcher Menschen im öffentlichen Interesse
haben werden. Das ist gut so! Klasse 8/9:
Können sie sich an die Ermordung Martin Luther Kings erinnern? Wie war damals
die Reaktion in Tuscaloosa? Mr. Roberts:
Na ja, da herrschte überall große Trauer. Natürlich gab es auch einige
verblendete, die heimlich klatschten. Doch die große Zahl der Menschen würdigte
King als jemanden, der den einzig gangbaren Weg eingeschlagen hatte, den
gewalt-losen Weg! Das war seine große Leistung und deshalb hatte er am Ende
auch Erfolg. Klasse 8/9:
Gab es hier auch Ku Klux Klan Mitglieder? Mr. Roberts:
Ja, auch in Alabama war der KKK aktiv. Das war eine schlimme Sache, sie mordeten
Schwarze und deren Verteidiger, verwüsteten deren Häuser und bedrohten
friedliche Menschen, nur weil sie eine andere Hautfarbe hatten. Klasse 8/9:
Sind diese Gruppen noch heute aktiv? Mr. Roberts:
Ja, zum Teil gibt es sie noch. Sie sind aber nicht einflussreich. Auch die finanziellen Mittel sind,
wegen hoher Strafen, stark zurück gegangen. Heute arbeiten sie eher allgemein
mit rechts-radikalen Gruppen zusammen, die z.B. den Nationalsozialismus
verehren. Klasse 8/9:
Gab es auch gewalttätige schwarze Gruppen in dieser Zeit damals? Mr. Roberts:
Ja, es gab ja die Black Panther Bewegung und Malcom X. das war aber nur eine kleine
Gruppe. Gemessen an der Bevölkerung, die 60 % Weiße und immerhin 40 % Schwarze
aufweist, war das eine verschwindende Minderheit. Klasse 8/9:
Wie sehen sie die Zukunft zwischen Schwarzen und Weißen? Mr. Roberts: Es kann nur ein Miteinander geben. Es muss noch vieles geschehen, bis wirkliche Gleichberechtigung durchgesetzt ist, aber es ist der einzige Weg wirklich friedlich miteinander zu lebenn George Wallace und seine
Frau Lurleen Wallace:
Der ehemalige Rassist
Wallace widerrief in späteren Jahren alle sein Aussagen gegen Afroamerikaner
und bat öffentlich um Vergebung. Deshalb wurde er von der Universität in
Tuskekee mit einem Ehrendoktortitel gewürdigt. Wallace, der nach einem Attentat
querschnittsgelähmt war und zudem an der Parkinsonschen Krankheit litt,
verstarb 1998. |
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