WW II
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You have a beautiful country!

Die Schüler der Klasse 11-12 waren zunächst recht überrascht, als sie am 26. Januar 2006 Mr. James Henderson trafen, der sie mit seiner Liebeserklärung an Deutschland empfing.

Sie waren deshalb überrascht, weil sie doch eigentlich erwartet hatten, dass Henderson jemand wäre, der Antipathien gegen Deutsche und Deutschland pflegt. Immerhin war der heute 81-jährige im Jahr 1945 in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und unter furchtbaren Bedingungen bis zum Ende des Krieges eingesperrt worden. Wie aber kam es dazu und warum war dieser freundliche Mann trotzdem so begeistert von Deutschland?

  James Henderson und die Klasse 11-12 der GSS (Sascha, Julia, Sina, Lisa).

 

Henderson, der 1925 geboren wurde und aus Tuscaloosa stammt graduierte im Jahr 1943 an der Tuscaloosa County High School (das heutige School board Gebäude). Er meldete sich als 18-Jähriger freiwillig zur Luftwaffe. „Die Japaner hatten kurz zuvor Pearl Harbor angegriffen und wir standen plötzlich zugleich mit Japan und Deutschland im Krieg. Da die USA aber zu-nächst aufrüsten mussten und die Luftwaffe ganz im Aufbau war, riet mein Vater mir zur Air Force (AF).“

In diesen Zeiten, so Henderson, war alles rationiert. Es gab in den 40er Jahren kaum etwas frei zu kaufen. Während er uns einen Rationsschein zeigte vermutete er: „So war es ja sicher in Deutschland auch, man brauchte alles für die Rüstungsindustrie. Rohstoffe wurden gesammelt und viele Güter wiederverwertet.“

Als er dann in der AF angenommen war, wurde er auf den B-24 Flugzeugen trainiert. 10 Mann Besatzung aus zehn verschiedenen Bundesstaaten. „Diese dezentrale Zusammensetzung  war bewusst so gewählt. Es sollte nicht zu großes Aufsehen in einem Bundesstaat geben, wenn ein Flugzeug abgeschossen wurde.“

Rechts: Henderson im Kreise seiner Kameraden (im Bild: vorne 2. v.l.)

Henderson wurde als Schütze ausgebildet und für den Einsatz in der kleinen Plexiglaskuppel an der Flugzeug-spitze trainiert. In diesem, nach allen Seiten offen einzusehenden Plastikaufsatz verbrachte Henderson in der Folge viele hundert Stunden in schwindelnden Höhen.

Unten: Zeichnung eines Piloten. Das innere einer B-24.

 

 

 

 

 

 

Hendersons Crew wurde im Spätsommer 1944 nach Süditalien in die 459. Staffel verlegt. Insgesamt flog von dort ein Geschwader mit etwa 400 Bombern regelmäßig in die für die bis dahin für die englischen Lancaster Bomber unerreichbaren Gebiete von Österreich, Rumänien, der Tschechoslowakei und Ungarn. „Der gesamte Wiener Raum konnte bis dahin gar nicht angeflogen werden. Die Tanks der Engländer waren nicht groß genug, um bis hierher zu fliegen. Wir bombardierten in der Folge hauptsächlich Verkehrswege wie Straßen und Zugstrecken. Aber auch Fabriken, Raffinerien und vor allem Rüstungsbetriebe waren unsere Ziele.“ Henderson wurde in seiner B-29 bei 28 Missionen vom größten alliierten Stützpunkt in Foggia/ Süditalien aus eingesetzt, bevor sein Flugzeug wie Hunderte anderer brennend zu Boden stürzte. 

„Damals standen in Jugoslawien Partisanen aktiv gegen die Deutschen im Kampf. Ihr Befehlshaber war der spätere jugoslawische Regierungschef Tito. Wenn eine Maschine in seinem Gebiet abstürzte, so lieferte er die Piloten aus und kassierte für jeden einzelnen Mann 1000 Dollar. Das war ein Glück, wenn man in seinen Gebieten abspringen oder notlanden musste. Wegen des Lösegelds wurden alle Piloten aus diesem Gebiet gerettet und schnell zurückgeführt. Ansonsten war es sehr gefährlich abzustürzen oder in Gefangenschaft zu kommen.“

Henderson berichtete weiter: „Ich wurde mit meiner Mannschaft im Februar 1945 südlich von Wien abgeschossen, also nicht in einem Gebiet, aus dem man wieder heraus kommen konnte. Wir hatten an diesem kalten und diesigen Tag schon einen langen Flug hinter uns. Unser Befehl hieß immer, dass wir nur bombardieren durften, wenn wir unser Ziele sahen. So mussten wir an diesem Tag schon zweimal abdrehen und hatten wegen der dichten Wolken kaum etwas abwerfen können. Bis zum Nachmittag hatten wir dann schwere Treffer kassiert. Unser Navigator war von einer Kugel durch die Flugzeugwand tödlich getroffen worden. Mit der Zeit fingen  drei der vier 1200 PS-Motoren an zu brennen. Zwar lässt sich eine B-24 auch mit nur einem Motor fliegen, aber in unserem Fall war die Gefahr, dass das gesamt Flugzeug

Feuer fangen würde zu groß. Als die Feuer auf unsere Tanks überzugreifen drohten schrie unser Kommandant „RAUS!“. Alle schnappten sich die Fallschirme. Ich hatte kurz vorher noch eine Verletzung am Hals erhalten und blutete. Einer meiner Kameraden schlang mir einen Schal um den Hals und hievte mich in dem Fallschirm.

Das Aussteigen in 25 000 Fuß (8000 Meter) Höhe war schon unverletzt sehr schwierig. Die Ausstiegsluke war im Boden eingelassen. Bei Rausspringen in einer Kälte von ca. 40 Grad minus, durfte man das Flugzeug nicht mit den Händen berühren. Die Gefahr, dass man in Sekundenbruchteilen festfror und Finger oder andere Körperteile abrissen wurden war sehr groß! Also, ich warf mich kopfüber bei etwa 450 Stundenkilometer pro Stunde aus der Luke und hoffte und betete, dass ich lebend unten ankommen würde. Die Gefahr, dass man auf dem Schwebeflug nach unten einen defekten Fallschirm anhatte oder gar vom Feind abgeschossen wurde war ja auch nicht von der Hand zu weisen.“

 

„Unten empfingen uns schon die deutschen Soldaten mit ihren Gewehren. Sie nahmen mir meine Karte, mein Messer und meine Schokolade ab. Auch einen kleinen Fruchtkuchen, den ich bei mir trug, musste ich abgeben. Wir verstanden kein Wort, aber es war klar, wir mussten mit und waren, während unsere Maschine nach mehreren Explosionen am Boden ausbrannte, in Gefangenschaft geraten.“

Henderson, der damals gerade mal 19 Jahre alt war berichtet weiter, dass alle 9 überlebenden Kameraden schließlich am Boden ankamen und von deutschen Soldaten gefangenen genommen wurden. Danach begann der lange Leidensmarsch, der Henderson zu Fuß von Wien nach München führen sollte. 450 Kilometer in der gleichen Kleidung, ohne Bad, ohne richtiges Essen und ohne die Hoffnung einer wirklichen Besserung. „Es gab wenig zu essen und zu trinken von unseren Begleitern. Manchmal erhielten wir auch etwas von einem Bauern. Ich erinnere mich auch, dass wir Zuckerrüben von einem Feld ausgruben und versuchten, sie zu essen. Das klappte nicht wirklich. Wir hatten furchtbaren Hunger! - Wir liefen und liefen, es war ein unendlicher Marsch. Nachts schliefen wir in Scheunen oder Ställen.“ 

 

 

 

 

 

 

Henderson unterstrich dann: „Als wir endlich im Lager Stalag VII-A ankamen waren wir vollkommen entkräftet und herunter gekommen.“ Die Deutschen hatten nördlich von Moosburg (nähe München) ein riesiges Mannschafts-Gefangenen-Stammlager (Stalag) angelegt. Ursprünglich sollten hier nur 10 000, nach einer Erweiterung etwa 45 000 Gefangene eingepfercht werden. Als Henderson mit seinen Kameraden ankam, waren es schon über 80 000 Menschen. Hauptsächlich war Stalag VII-a für Franzosen und Sowjetrussen gebaut worden. Amerikaner gab es hier ursprünglich nur wenige. Im Frühjahr 1945, also in der Zeit in der auch James Henderson hier ankam, stieg ihre Zahl jedoch auf über 5000 an. Darüber hinaus wurden auch Afrikaner, Asiaten und Soldaten von verschiedenen europäischen Mächten als Prisoner of War (POW) festgehalten.

Oberst Neff berichtete bei seiner Vernehmung nach dem Krieg: "Schon im Juli und August 1940 durchwogte ein buntes Gemisch von Völkern das Lager: weiße, gelbe, braune und schwarze Franzosen, blonde Flamen und Elsässer, Marokkaner, Algerier, Tunesier, Ägypter, Araber und Juden, Schwarze von der Gold- und Elfenbeinküste, Senegalesen und Sudanneger, Madagassen, Indochinesen, Malayen, Insulaner aus Martinique, Guadelupe und Haiti, Fremdenlegionäre, Angehörige sonstiger Fremdenregimenter, polnische Legionäre, Bretonen und Normannen, Korsen und Basken, Italiener und Rotspanier in französischen Diensten, Ukrainer und Russen, Rumänen, Bulgaren, Armenier, Portugiesen und Ungarn, Griechen und Türken, Estländer, Litauer und Letten, Kubaner, Schweden und Norweger ... Gefangene aus 72 Nationen bevölkerten 40 Baracken und viele Zelte.

 „Mir wurde“ so Henderson weiter, „das oberste Bett in einem Stockbett zugewiesen. Es war schmal und kurz, aber ich war froh überhaupt eine Lagerstätte zu haben. Arbeit konnte die deutsche Lagerverwaltung uns zum Glück keine mehr geben. Alles war chaotisch und unorganisiert. Aber es gab wenigstens weiterhin täglich eine kleine Brot- und Suppenration zu essen. Die mussten wir uns über den Tag hinweg einteilen.“

Im Bild links: Die Einfahrt zum Lager: Rechts: Beobachtungsturm des Lagers in dem Henderson interniert war.

 

Das Lager lag neben einem Bahnhof, da die meisten Gefangenen per Zug hier ankamen. Auch waren viele der früheren Arbeitskommandos an die Schiene gebunden. Als Henderson hier ankam war dies jedoch alles schon Vergangenheit.

Unten links: Die Hauptstraße des Hunderte von Baracken umfassenden Lagers. Rechts: "Hundemarke“ aus dem Lager, die jeder Gefangene anstelle seiner Soldatenmarke erhielt. 

  

Amerikanische Gefangene kamen in Stalag VII-a hauptsächlich aus dem Afrikakrieg an. Später waren es oft auch Bomberpiloten, die hier eingesperrt waren (s.u.).

Als die Baracken nicht mehr ausreichten wurden auch Tausende von Gefangenen in Zelte untergebracht.

 

    

 

Im Bild: Auf dem Lagerfriedhof wurden mit den Jahren mehr als 1000 verstorbene Gefangene beerdigt.

 

  Über die Hoffnungen der Gefangenen berichtete Henderson: „Wir beteten, dass der furchtbare Krieg bald zu Ende gehen würde. Tatsächlich hatten wir sogar einige Radios im Lager. Das war zwar verboten, aber die Deutschen bemerkten es zum Glück nicht. Sie hatten mit den heran nahenden ame-rikanischen Truppen und ihrem Rückzug offensichtlich genug zu tun.“

„Als am 29. April 1945 General Sam Patton mit seinen Truppen ins Lager kam und uns unsere Befreiung ver-meldete, waren unter den über 100 000 Gefangenen etwa 29 000 ameri-kanische Soldaten wieder auf freiem Fuß. Wir waren überglücklich, egal aus welchem Land wir kamen.“

Im Bild: General Patton (li) und be-freite amerikanische Soldaten. 

 

Im Bild links: James Henderson zeigt den Instrumentenplan für das Cockpits des B-24.

Bild recht: James Henderson bei einer Ehrung im Footballstadion der UA 1998.

 

„Ich habe damals, nach dem alles vorbei war, noch eine Menge von eurem Land sehen können. Vor allem vom Süden. Klar, viele der Städte waren furchtbar verwüstet und den Menschen ging es sehr schlecht. Aber man konnte schon sehen, dass die Landschaft traumhaft und sehr vielfältig ist. Vor allem der Schwarzwald hat mich beeindruckt. Viele der kleinen Städte waren ja nahezu unzerstört. Auch habe ich viele sehr hilfsbereite und nette Deutsche nach dem Krieg kennen gelernt.“

James Henderson kam nach seiner Gefangenschaft wieder in seine Heimatstadt Tuscaloosa zurück. Hier heiratete er wenig später seine Frau, mit der er, bis zu ihrem plötzlichen Tod im vergangenen Jahr, über 50 Jahre glücklich zusammen lebte. Die Henderson haben zwei erwachsene Töchter.

Henderson war später über 30 Jahre Lehrer und Schulleiter an verschiedenen Elementary und Middle Schools in Tuscaloosa. Vor allem die Jahre, in denen die Rassentrennung aufgehoben wurde, haben ihn geprägt. „das war nicht leicht, aber sehr wichtig!“

Zum Abschluss ließ uns James Henderson noch wissen, dass er hoffe, dass der Frieden auf der Welt sich weiter ausbreiten wird. „Es muss ein Ende haben mit dem Töten. Die Staaten haben so viele gemeinsame Aufgaben. Alle Länder der Erde müssen diese gemeinsam schultern. Da macht es keinen Sinn, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen.“ Der Hunger in Afrika und die Klimakatastrophe sind seiner Ansicht Grund genug, dass alle Länder sich zu gemeinsamen Aktionen zusammenschließen.“

Tief beeindruckt von den geschilderten Erlebnissen und der Lebensfreude Hendersons verließen wir nach 90 Minuten die Trinity United Methodist Church. Das Gespräch war Oral History in Reinkultur. Dass wir dabei auch noch auf einen sehr netten und unterhaltsamen Menschen gestoßen sind, war eine große Freude für uns! Herzlichen Dank und alles GUTE weiterhin, Mr. Henderson!!

Artikel: Julia Adelt, Lisa Klingert, Sina Kuhn, Sascha Merat und Holger Viereck (Febr. 2006)

 

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